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23. Juni 1812: Russland-Feldzugs der Grande Armée -
von Dr. Bernd Kirschbaum, Ense-Niederense
»Er ging mit Napoleon nach Russland, wir haben nie wieder von ihm gehört!«, Teil 1.

Der Bauer Christian K. auf der Haar, der zunächst nach dem Willen seiner Eltern hätte Pfarrer werden sollen und deshalb die Soester Lateinschule besucht hatte, übernahm den väterlichen Hof und führte Tagebuch:
1812. Im Mai. Das ist ein Blitzen und Funkeln da unten auf dem alten Heerweg, dem Hellweg; ein verworrenes Getöse vom Rasseln der Kanonen und Wagen, vom Rufen, Schreien und Kommandieren, vom Wiehern der Pferde und dem Gebrüll der Rinder tönt herauf bis zu mir, wenn ich von der Haar herab auf die Talstraße niederschaue, über die sich der lärmende Zug mühsam vorwärts schleppt. Schar auf Schar zieht vorüber, als hätte der Kaiser die Regimenter aus dem Boden gestampft. Auf allen Heerstraßen im deutschen Land ziehen die Krieger einher nach Russland hin, heißt’s doch, der Kaiser wolle 600 000 Mann gegen den Feind marschieren lassen.

Man zieht ihn mit seinen Pferden zu allen möglichen Hilfsleistungen heran, er muss Hafer, Weizenstroh und Heu liefern, um die Truppen zu versorgen. Zwar wird der Erhalt quittiert, aber von Bezahlung ist nicht die Rede. Sein Sohn Gerhard wurde zu den Soldaten eingezogen und musste mit seiner Truppe nach Spanien marschieren.

Was ist geschehen? Das Kurfürstentum Köln hatte durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 aufgehört zu existieren, durch den die Fürsten mit rechtsrheinischen, geistlichen Gebieten entschädigt wurden, die linksrheinischen Gebiete an das neue Kaiserreich Frankreich verloren. Das Herzogtum Westfalen, zu dem unser Gebiet hier gehörte, war an den Landgrafen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt (*14.06.1753 – †6.04.1830) gefallen. Bereits 1802, noch vor dem offiziellen Beschluss, hatte der begonnen, von Gießen aus von dem Herzogtum Besitz zu ergreifen.

 
 
Alle durch die Hessen vorgenommenen Änderungen aufzuführen, würde zu weit gehen, aber am 1. Februar 1804 wurde die allgemeine Wehrpflicht für Männer zwischen 17 und 25 Jahren eingeführt. Dauer der Dienstzeit: zehn Jahre! Desertion wurde streng bestraft, bereits abgeleistete Jahre galten als verwirkt usw. Dennoch muss die Zahl der Desertionen groß gewesen sein. Die Rekruten aus dem ehemaligen kurkölnischen Westfalen wurden der Brigade »Erbprinz« und der hess. – darmstädt. Reservebrigade »Westfalen« zugeteilt. Als Garnisonstädte sind in unserer Gegend Werl und Arnsberg zu nennen.

Am 12. Juli 1806 erfuhr der Landgraf Ludwig X. eine Standeserhöhung durch Napoleon zum Großherzog, der sich fortan Ludewig I., Großherzog von Hessen-Darmstadt, nannte und gleichzeitig dem Rheinbund beitrat. Die großherzoglich-hessischen Truppen waren seitdem verpflichtet, aufseiten Napoleons alle Feldzüge mitzumachen, so zogen am 2. Oktober 1806 mehr als 1.000 Mann aus unserer Region, von Arnsberg aus, nach Darmstadt, um den Feldzug gegen Preußen zu unterstützen, die Verluste waren gering.

Dagegen forderte der Feldzug in Spanien wesentlich mehr Opfer. Etwa 1.800 Mann zogen 1808 in den Kampf nach Spanien. Nach der Kapitulation von Bajadoz am 6. April 1812 gerieten 463 Soldaten in englische Kriegsgefangenschaft, aus der vier Offiziere und 168 Mann am 30. April 1814 entlassen wurden, mehr als 1.300 Soldaten fanden den Tod.

Napoleon hatte die Kontinentalsperre gegen England verhängt, aber der russische Zar wollte den 1807 eingegangenen Verpflichtungen nicht nachkommen und öffnete Ende 1810 seine Häfen für englische Waren, wenn die Schiffe denn unter neutraler Flagge segelten. Für Napoleon ein Kriegsgrund, und er rüstet 1811 zum Angriff.

Die größte Armee, die die Welt bisher gesehen hatte, wurde zusammengezogen, allein mehr als 400.000 Pferde und mehr als 610.000 Mann aus allen Teilen Europas, davon nur etwa die Hälfte Franzosen. Dazu kamen eine Menge von Kanonen (»Artillerie-Park« mit mehr als 3.000 Fuhrwerken), Munitionswagen, eine riesige Menge an Brückenbau- und anderem Pioniermaterial (»Genie-Park«), weiterhin Kutschen, die u. a. zu 26 (!) »Equipagen-Bataillons« (mehr als 6.000 Wagen) zusammengefasst wurden, Feldschmieden, eine Druckerei, Lazarett-Wagen, Ochsengespanne, Schlachtviehherden etc.

Allein Napoleons persönlicher Tross bestand aus 18 Versorgungs- und einem Garderobewagen usw. Er selbst fuhr in einer sechsspännigen Kutsche, weitere 52 Kutschen wurden allein für das Stabspersonal benötigt und eine riesige Zahl an Fuhrwerken nur für dessen Versorgung.

In Kowno / Kaunas an der Memel / Njemen, der damaligen Grenze des russischen Reiches: Am 23. Juni rekognosziert (Feindesland erkunden) Napoleon selbst die Ufer des Flusses. Beim Ritt zurück scheut sein Pferd, und Napoleon stürzt zu Boden: ein schlechtes Vorzeichen. Drei Tage lang passierten nun die 450.000 Mann über drei Pontonbrücken den Grenzfluss.

Die Russen können nur 240.000 Mann dem Kaiser der Franzosen entgegensetzen und ziehen sich deshalb konsequent zurück. In Wilna / Vilnius (ca. 100 km entfernt) zieht die Grande Armée am 28. Juni ein. Die ersten Nachschubprobleme machen sich besonders in der Mitte der Marschkolonne bemerkbar, aber Napoleon will von der mangelhaften Versorgung nichts wissen. Einen Monat später fällt Witebsk (ca. 450 km) ohne Gegenwehr. Napoleon versucht in Gewaltmärschen die Zarenarmee zu stellen, aber die Russen kennen das Gelände und weichen konsequent so schnell zurück, dass Napoleon sie nicht überholen kann, um an ein intaktes Depot heranzukommen, denn der Nachschub stockt.

Die Russen verbrennen alles, was der Feind gebrauchen könnte, die Angreifer müssen Nahrung für Mensch und Tier requirieren, plündern die Dörfer. Kosaken - Einheiten stoßen auf ihren wendigen Pferden blitzschnell auf diese Trupps und versuchen sie zu vernichten. Diese Requirierungen sind einerseits lebensnotwendig, schwächen aber andererseits zahlenmäßig die kämpfende Truppe und verbreiten unter der Bevölkerung des Landes Angst und Schrecken, sodass die Einwohner eher ihren Besitz anzünden, bevor er in die Hände der Angreifer fällt.

Als Napoleons Truppen am 17. August das bereits brennende Smolensk (ca. 650 km) erreichten, zählte man nur noch 160.000 Mann. Die Generäle rieten zur Sicherung der eroberten Gebiete und zur Reorganisation der angeschlagenen Armée, denn die Versorgungswege sind sehr lang geworden und die Ernährungssituation wird immer kritischer. Aber Napoleon entschied sich für die Fortsetzung der Offensive in Richtung Moskau (noch 400 km.)

Am 29. August 1812 ernennt der Zar Alexander I. den Fürsten Kutusow [*05.09. (jul.) / 16.09.1745 (greg.) – †16.04 (jul.) / 28.04.1813 (greg.)] zum russischen Feldmarschall und Oberkommandierenden, und am 7. September kommt es zu dem grauenhaften Gemetzel von Borodino an der Moskwa (ca. 125 km westlich von Moskau). Napoleons Armée mit 130.000 Franzosen und 125.000 Russen auf einer Anhöhe liefern sich eine erbitterte Schlacht, 80.000 Tote und Verwundete blieben zurück, 35.000 Franzosen und 45.000 Russen. Die Leichname der Soldaten und die Kadaver der Pferde lagen bis zu acht Schichten übereinander auf dem Schlachtfeld. Den Russen gelang noch der geordnete Rückzug, aber der Weg nach Moskau war frei für Napoleon.

Am 14. September 1812 erreichten preußische Ulanen als Erste der Grande Armée die großenteils entvölkerte Hauptstadt des russischen Reiches, 400.000 Einwohner sind geflohen.

Das Kontingent, das vom Großherzogtum Hessen-Darmstadt für den Feldzug Napoleons in Russland gestellt wurde, bestand aus sechs Bataillonen, drei Schwadronen und acht Geschützen, insgesamt etwa 5.000 Mann, unter denen befanden sich auch Soldaten – soweit die spärlichen Unterlagen (Vermisstenlisten) aussagen – aus unserer Gegend, so z. B. aus Höingen, Lüttringen, Gerlingen, Westönnen, Neheim usw. Der hessische Prinz Emil (*03.09. 1790 – †30.04.1856, vierter Sohn des Großherzogs Ludewig I.) befehligte diese hessischen Truppen auf dem Russland-Feldzug, Chef seines Stabes war der Hauptmann Lyncker. Unter dem Kommando des Obersten von Gall waren bereits im Jahr 1811 zwei Bataillone Infanterie (Leib-Regiment), wovon das 2. Bataillon 1812 bis Moskau kam, und zwei Geschütze nach Danzig aufgebrochen. Die übrigen Truppen waren zunächst in Pommern stationiert. Zwei Bataillone der Leibgarde befehligte Oberst Follenius, und das Cheveaulegers-Regiment unter Oberst von Dalwigk wurde in das Corps Victors [Claude Victor-Perrin, genannt Victor, Herzog von Belluno (*07.12.1764 – †01.03.1841)] eingegliedert. Eine Abteilung des Regiments unter Hauptmann Hoffmann erreichte Moskau. Zwei Füsilier-Bataillone (leichte Infanterie) unter Oberst von Schönberg gingen mit einer Batterie von sechs Kanonen von Stettin aus auf die Insel Rügen und erst im Oktober 1812 nach Russland.

Die meisten hessischen Soldaten gehörten also zur Infanterie und legten die Strecke zu Fuß zurück. Jeder Soldat trug einen Tornister mit dem Notwendigsten. Der Graf Philippe Paul von Segur (*4.11.1780 – †25.02.1873), selbst Teilnehmer des Feldzuge beschrieb die Ausrüstung eines einfachen Soldaten:
»... zwei Hemden, zwei Paar Schuhe (mit Nägeln beschlagen), ein weiteres Paar Sohlen, ein Paar Überhosen, kurze Gamaschen von Leinwand, einige zur Reinlichkeit erforderliche Gerätschaften, Verbandsmaterial und 60 Patronen. Auf beiden Seiten waren vier Zwiebacke, jeder 500 Gramm schwer, unten auf dem Boden ein langer enger leinener Sack mit 5 kg Mehl; der ganze ... bepackte Tornister mit seinem Tragriemen und dem zusammengerollten, oben aufgeschnallten Mantel wog ca. 17 kg. Über der Schulter trug der Soldat noch einen anderen Sack von Leinwand mit 2 Brotlaiben zu anderthalb Kilo, sodass er mit seinem Säbel, seiner vollen Patronentasche, drei Feuersteinen, einem Schraubenschlüssel, der Banderole und dem Gewehr eine Last von ca. 30 kg zu tragen hatte, auf vier Tage mit Zwieback, auf sieben Tage mit Mehl versehen war und 60 Schüsse abgeben konnte.«

 
Auf dem langen Marsch von ca. 1.200 km waren etliche Soldaten wegen Erschöpfung, Krankheiten durch Ungeziefer, Hunger wegen fehlenden Nachschubs usw. zurückgefallen und auch elendiglich gestorben. Desertionen waren an der Tagesordnung und Selbstmorde nicht selten. Wer in Gefangenschaft geriet, hatte auch nichts Gutes zu erwarten, der russische Offizier Boris von Uxkull (*07.08.1793 – †1870) schreibt in sein Tagebuch unter dem Datum vom 06.09. (jul.) / 17.09.1812 (greg.) von dem Ort Stupia:
» ..., habe ich beobachtet, wie ein französischer Gefangener für 20 Rubel an die Bauern verkauft wurde; diese tauften ihn mit siedendem Pech und spießten ihn lebend auf ein zugespitztes Eisenstück auf! Welch ein Gräuel!«

Napoleons kaiserliche Garden, die mehr Parade- als Kampftruppen waren, denn sie hatten während des gesamten Feldzuges nicht mitgefochten, zogen als Erste »en grande tenue« – »in stolzer Haltung« in die verlassene Hauptstadt des Zarenreiches ein, wie zu einer Parade. Die ersten Truppen, die auf dem Sperlingshügel westlich von Moskau gehalten haben, bemerkten schon zwischen 6 und 7 Uhr am frühen Abend des 14. September 1812 den ersten Brand in der Stadt.

Fortsetzung folgt: Teil 2 – Der Rückzug.
Bemerkung: Rechtschreibung angepasst.
Dr. B. Kirschbaum

 
veröffentlicht: Heft 130 / Herbst 2012, Seiten 10 und 11
ense-press by haase-druck
Peter Haase
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