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Ein Dichter baut 1934 ein Haus in Ense-Bittingen
von Dr. Bernd Kirschbaum
Im Jahre 1934 fasste der erblindete Dichter den Entschluss, auf der Haar direkt auf dem Scheitelpunkt des Höhenzuges ein Haus zu bauen, mit Aussicht von Westen in Richtung Ruhrgebiet und Dortmund über den Norden mit den Feldern der münsterländischen Bucht bis zum Osten an den Höhenzug des Teutoburger Waldes und nach Süden in die bewaldeten Bergketten des Sauerlandes. 1935 zog er in das fertiggestellte Haus ein.

Wer war Adolf von Hatzfeld, an dessen Existenz zwar in Werl und Wickede Straßennamen erinnern, aber nicht in Ense? Geboren wurde Adolf Iwan Kaspar von Hatzfeld am 3. September 1892 in Olpe im Sauerland als Sohn und zweites Kind des Amtsrichters Kaspar von Hatzfeld und dessen Frau Maria geb. Goesen. Er stammte zwar aus dem uralten Adelsgeschlecht, das aus dem gleichnamigen Ort an der Eder in Oberhessen sich nennt und im Laufe der Jahrhunderte bis in den Hochadel (Heute schreibt sich die Familie meist »Hatzfeldt«.) aufgestiegen war, aber sein Zweig der Familie hatte schon im 17. Jahrhundert das Gut Schweckhausen in der Gemeinde Welver aufgegeben, was durch Heirat (1523) an den Vater Hermann († 1539) des in Wocklum residierenden Drosten von Balve im Hönnetal Hermann von Hatzfeld (* 1527; † 20. Februar 1600 in Balve) gelangt war. In der St. Blasius-Kirche dort ist der Epitaph mit dem Porträt des namhaften Widersachers des zum Protestantismus übergetretenen Erzbischofs von Köln Gebhard Truchsess von Waldburg, der persönlich an der Zerstörung der Burg in Wocklum teilgenommen hatte, noch zu sehen. Zwar ist der kinderlose Amtsdroste von Balve kein direkter Vorfahr, aber durch ihn gelangte der Zweig der Familie Hatzfeld nach Gut Schweckhausen nordöstlich von Welver, aus dem der spätere Dichter stammte.
 
Den Stationen der Karriere des Vaters als Jurist folgend, zog die Familie 1897 nach Hamm, wo der spätere Dichter auch eingeschult wurde und auf das Gymnasium wechselte. 1905 wurde der Vater an das Oberlandesgericht in Düsseldorf versetzt, und die Familie zog mit. Adolf besuchte das Hohenzollern-Gymnasium, von dem er kurz vor dem Abitur wegen eines Verstoßes gegen die Schulordnung verwiesen wurde. Auf dem königlichen Gymnasium in Emmerich bestand er 1911 das Abitur und sein Wunsch war zunächst, Kaufmann zu werden. Deshalb trat er als Volontär in die Hamburger Himalaja Tea Company ein, scheiterte aber schon nach kurzer Zeit. Nach Reisen, die ihn nach Paris und Kopenhagen führten, hielt er sich einige Zeit im Kloster Maria Laach auf und entschied sich für die Offizierslaufbahn. So trat er im Herbst 1911 als Offiziersanwärter in das Westfälische Jäger-Bataillon Nr.7 in Bückeburg ein. Bei einem Einsatz gegen streikende Arbeiter im Revier Radbod weigerte er sich, auf die Menschen schießen zu lassen. Auf der Kriegsschule in Potsdam, die er seit Januar 1913 als Fähnrich besuchte, fielen seine Ausarbeitungen durch ihre hervorragende Qualität zwar auf, er aber auch wiederholt durch sein fast krankhaftes Schuldenmachen. Als er nach Bückeburg zurückfahren sollte, verwechselte er den Zug, fuhr nach Brandenburg statt nach Magdeburg, kam deshalb zu spät in Bückeburg an und wurde von dem Offizier vom Dienst deswegen mit 3 Tagen Arrest bestraft. Am 17. Juli 1913 versuchte er dort, sich mit einer Pistole zu erschießen, blieb am Leben, erblindete aber.

Nach Aufenthalten in der Augenklinik von Minden und im Landeskrankenhaus in Bonn, wo man ihn auf seinen Geisteszustand untersucht hatte, wurde er danach im Annaheim in Düren untergebracht, wo er zwischen September 1913 und April 1914 die Blinden- und Kurzschrift, sowie Schreibmaschine erlernte. Hier sind dann auch die ersten schriftstellerischen Arbeiten entstanden. Hatzfeld wollte Französisch-Lehrer werden und zog zur Ausbildung in die Normandie, von wo er nach drei Monaten wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges zurückkehren musste. Daraufhin studierte er Germanistik, Neuere Deutsche Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten von Münster, Freiburg, Marburg und München und schloss 1919 diese Ausbildung mit einer Promotion über den unvollendeten Roman von Achim von Arnim: »Die Kronenwächter« ab. Bereits während des Studiums hatte er Kontakt zu literarisch-künstlerischen, einflussreichen Kreisen u. a. des Jugendstils (Heinrich und Martha Vogeler, Worpswede) gefunden, ebenso zu Rainer Maria Rilke, zu Thomas Mann, den Expressionisten Ernst Toller und Reinhard Goering, Else Lasker- Schüler und Theodor Däubler.
 
Seit 1917 arbeitete er an seinem Roman »Franziskus«, der 1919 erschien, in dem er sein bisheriges Leben verarbeitete. In den Wirren der Revolution von 1918-1919 befand er sich als Pazifist auf der Seite der USPD. Hatzfeld begann zu reisen, nach Italien (Salerno, bei Neapel), nach Flandern, Skandinavien, Schottland, Nordafrika, Persien, in den Sudan und auf die Krim. Danach ließ er sich in Köln nieder, wo er sich mit verschiedenen rheinischen und westfälischen Dichtern befreundete, u. a. Jakob Kneip und Josef Winckler. Während einer Süditalienreise heiratete er am 25. Oktober 1925 in Neapel Mathilde Wegeler, die Tochter eines Mitinhabers der Koblenzer Sektfirma Deinhard. Das Paar ließ sich in Bad Godesberg nieder, wo die Kinder Elisabeth (1926) und Georg (1929) geboren wurden. 1926 gründete er mit Alfons Paquet den »Bund Rheinischer Dichter«, dem fast alle bedeutenden Schriftsteller der Region angehörten, der sich für die Ablösung der zum Kitsch verkommenen Rheinromantik und die Überwindung der engstirnigen Nationalismen einsetzte. Der Bund wurde 1933 unter dem Druck des Regimes aufgelöst. 1927 lernte der Dichter in Wiesbaden den Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten (Außenminister) der Sowjetunion Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin kennen, einen hochgebildeten Mann. Im folgenden Jahr reiste Hatzfeld zu ihm nach Moskau und traf unter anderem die Autoren Boris Leonidowitsch Pasternak (späterer Nobelpreisträger; »Dr. Schiwago«), Sergej Michailowitsch Tretjakov und Nikolai Nikolajewitsch Assejew. Diese Begegnungen verarbeitete er zu zwei Werken, von denen »Das glückhafte Schiff« (1931), das zum Teil bei einem Kuraufenthalt in Davos entstand, erwähnt werden soll, weil es später von den Nationalsozialisten verboten und die Restauflage 1936 vernichtet wurde.

Seit 1929 engagierte er sich für die »Rheinische Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Liga der Menschenrechte«. Außerdem pflegte der Dichter in dieser Zeit einen engen Kontakt mit dem flämischen Dichter und Maler Felix Timmermans (»Das Jesuskind in Flandern«), über dessen Werk er eine Monografie herausgab, die 1935 in Berlin erschien.

1933 lernte er auf einer Rundfunktagung in Soest den Maler Eberhard Viegener kennen, befreundet er sich mit ihm an und verbringt im Frühjahr 1934 einige Wochen in dessen »Haus am Haarweg«, wo er den Entschluss fasste, sich auch dort niederzulassen und nicht weit von Viegeners Haus entfernt, sich selbst eines zu bauen.

In seiner Ehe kriselte es, er trennte sich von seiner Ehefrau und zog 1935 in das erbaute Haus auf der Haar.
 
  Aber Maler und Dichter verstanden sich auch nicht mehr. 1936 kamen gravierende finanzielle und existenzielle Sorgen hinzu, Hatzfeld fühlte sich isoliert, weil die nicht verkauften Exemplare des »Glückhaften Schiffs« eingestampft wurden, und trat deshalb in die »Reichsschrifttums-Kammer« und im folgenden Jahr sogar in die Partei ein. In der Zeit auf der Haar beschäftigte er sich hauptsächlich mit seiner kraftvollen Lyrik. Als 1939 seine Frau an einem Herzleiden starb, verkaufte er sein Haus in Ense-Bittingen und kehrte nach Godesberg zurück. 1943 erhielt er den Joseph-Görres-Preis der Universität Bonn. In seiner Rede zitierte Adolf von Hatzfeld die Kernaussagen z.T. wörtlich aus seinem den Machthabern unliebsamen Roman »Das glückhafte Schiff«.

Die Zeit nach dem Krieg war für den blinden Mann voller schmerzlicher Entbehrungen bis hin zum Hunger. Durch den damit verbundenen starken Gewichtsverlust entzündete sich die im Kopf verbliebene Revolverkugel, die in einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt entfernt werden musste. Obwohl einige seiner Werke neu aufgelegt wurden, war er zeitweilig gezwungen, sein Haus zu vermieten und lebte in dieser Zeit zwei Jahre lang mit Unterbrechungen in Italien, unter anderem in Positano. Sein Pazifismus drängte ihn überdies an den Rand der Gesellschaft. 1952 heiratete er Ruth Faßbender, seine Sekretärin. Am 20. Juni 1953 erhielt er zusammen mit Josef Winckler (»Der tolle Bomberg«) auf dem Westfalen-Tag in Meschede den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Am 25. Juli 1957 ist Adolf von Hatzfeld im Krankenhaus von Bad Godesberg an einer Lungenentzündung gestorben. Er wurde auf dem dortigen Friedhof »Am Hochkreuz« begraben.

Adolf von Hatzfeld, nach dem Krieg fast vergessen, war eine Art Kosmopolit, in Europa, Asien und Afrika unterwegs, bekannt oder befreundet mit vielen namhaften literarischen Zeitgenossen, wollte auf der Haar in seinem Haus leben, was wegen der damaligen Umstände auf Dauer nicht möglich war. Er gehört wohl nicht zu den bedeutendsten Dichtern und sein Werk ist eher schmal, aber er wollte einer von uns sein, einer von der Haar. Vielleicht sollte man deshalb auch in Ense eine Straße nach ihm benennen.



Für Interessierte: Um sich einen ersten Eindruck von den Dichtungen Adolfs von Hatzfeld zu verschaffen, empfiehlt sich, weil im Internet verfügbar: Adolf von Hatzfeld: Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Dieter Sudhoff. [http://www.lwl.org/kultur-download/droste/14hatz.pdf]


... veröffentlicht im Heft 140 / Frühjahr 2015, Seiten 10 und 11.
ense-press by haase-druck
Peter Haase
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1813 - Kosaken auf der Haar
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Kriegszeiten vor 430 Jahren und 380 Jahren in unserer Heimat, Teil 1 von 2
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