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Der Weg ist das Ziel | Wallfahrten
von Dr. Bernd Kirschbaum, Ense

Wallfahrten sind religiös motivierte Reisen an einen bestimmten Ort bzw. zu einer Pilgerstätte, wobei der Weg dahin der Meditation und dem Gebet dienen soll, um zu innerer Ruhe und Einkehr zu finden, oder auch Fahrten auf Grund eines Gelübdes als Bittsteller oder aus Dankbarkeit, eine Pilgerfahrt kann den Lebensweg eines Menschen symbolisieren.

Die Geschichte solcher Reisen ist schon sehr alt. In der Antike pilgerten die Griechen nach Delphi zum Orakel des Apoll, über dessen Tempel die Inschrift zu lesen war: »Erkenne dich selbst!« Oder zur Artemis nach Ephesus oder zum Zeus nach Olympia, wo zu Ehren des Göttervaters alle vier Jahre die berühmten Spiele stattfanden. Im alten Israel gab es ebenfalls Pilgerfahrten z. B. zum Berg Sinai oder jedes Jahr zum Pessach-/Paschah-Fest nach Jerusalem, zum »Wochenfest«, das sieben Wochen nach Pessach gefeiert wird als eine Art »Erntedankfest«, weil zu der Zeit die Weizenernte in Israel beendet war/ist, und zum »Laubhüttenfest«.

Der Islam beruht auf den sogenannten fünf Säulen (Bekenntnis, Gebet, Almosengabe, Fasten, Pilgerfahrt), von denen die letzte das Gebot beinhaltet, an einem bestimmten Monat unter Einhaltung bestimmter Vorschriften nach Mekka zu wallfahren (Haddsch) und dort bestimmte Riten zu vollziehen, wenn es dem Menschen irgendwie möglich ist (3. Sure Vers 97).

Große Pilgerzentren des Christentums waren und sind Jerusalem und das Heilige Land als historische Wirkungsstätten Jesu, wo man die Originalschauplätze sehen konnte und kann. So hat sich aus der späten Antike die Wegbeschreibung für den Fußwanderer von Bordeaux bis nach Jerusalem erhalten, in der jede einzelne Station der Reise über Land aufgeführt ist. Als die kriegerischen Umstände Wallfahrten nach Jerusalem nahezu unmöglich machten, bauten u. a. in der Toskana Franziskaner-Mönche die Stätten in Jerusalem im Maßstab 1:2 nach und statteten sie mit bemalten Terracotta-Figuren aus (z. B. San Vivaldo in der Gemeinde Montaione), um Gläubigen eine Pilgerfahrt nach »Jerusalem« zu ermöglichen und die biblischen Szenen betrachten zu können.

Als nächstes wichtiges Ziel ist Rom als die Zentrale des Katholizismus’ mit den Gräbern von Petrus und Paulus zu nennen, dann aber Santiago de Compostella in Galicien, dem äußersten Westen Spaniens, wo nach der Überlieferung der Apostel Jakobus der Ältere bestattet sein soll, der 44 n. Chr. in Palästina enthauptet worden ist. Seit etwa 830 sind Pilgerfahrten dahin bestätigt, die Pilger trugen bei ihrer Rückkehr als Abzeichen die mit zwei Löchern versehene Jakobsmuschel am Hut oder am Gewand. Diese Abzeichen sollten sie vor Räubern und Wegelagerern schützen, was aber oft nichts geholfen haben wird.
 
Diese Pilgerzeichen waren so hoch angesehen, dass sich die Träger damit bestatten ließen, so fand man in der Propstei-Kirche St. Walburga in Werl bei der Renovierung im Jahre 1967 an prominenter Stelle Überreste eines Menschen, der mit dieser Muschel beigesetzt worden war.

Die Wallfahrt nach Santiago hatte vielleicht auch noch einen anderen Sinn als nur den, zum Grabe eines der Apostel zu pilgern, denn Sankt Matthias ist sogar in Deutschland, in Trier beigesetzt. Vielleicht war es auch der Wunsch, an das Ende der Welt zu pilgern, denn das am weitesten nach Westen vorspringende Kap des europäischen Festlandes ist dort nicht weit entfernt: das Kap Finisterre, was nichts anderes heißt als: das Ende der Welt, obwohl man auch im Mittelalter wusste, dass die Erde keine Scheibe ist. So eine große Wallfahrt war im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit ein relatives Abenteuer, von dem mancher nicht zurückgekehrt ist.

Da es z. B. kein Papiergeld, keine Schecks oder ähnliches gab, musste das Reisegeld in Münzen mitgenommen werden, was praktisch unmöglich war. Man musste unterwegs arbeiten oder betteln, um weiterzukommen. Dass in Köln die Bezeichnung »Köbes« (kölnisch für »Jakob«) für einen Kellner in einer Gaststätte darauf zurückzuführen sei, dass Jakobspilger als Personal in den Gaststätten beschäftigt worden seien, ist leider wohl eine Erfindung der Moderne, denn historische Belege ließen sich bislang nicht finden.

Die vielfältigen Wege nach Galicien lassen sich häufig – ja bis Moskau – nachweisen und haben in unserer Gegend mindestens zwei deutliche Zeichen hinterlassen: Das Jacobi-Tor als westliches Tor der Stadt Soest und das innerhalb der Stadtmauern liegende »Pilgrim-Haus«, den ältesten Gasthof Westfalens, der 1304 zuerst erwähnt ursprünglich vor der Stadtmauer lag, damit spät ankommende Pilger noch eine Unterkunft finden konnten, und erst im 15. Jahrhundert nach der berühmten Soester Fehde in die Stadt verlegt worden ist und heute noch als Gastronomie-Betrieb existiert.

Neben diesen überregional sehr bedeutenden Pilgerorten traten bald kleinere hinzu. So berichtet Geoffrey Chaucer in der Rahmenhandlung seiner Canterbury-Geschichten (nach 1387) von einer Pilger-Gruppe, die sich durch mehr oder minder kurzweilige Erzählungen die Reise von London (Southwark) nach Canterbury zum Grab des ermordeten und bald darauf heiliggesprochenen (am 21. Februar 1173) Thomas Beckett (*21. Dezember 1118 in London; †29. Dezember in der Kathedrale von Canterbury) verkürzen. Wer die beste Geschichte erzählt, bekommt ein Gastmahl spendiert.
 
Im Mittelalter (schriftliche Ersterwähnung 5. Januar 1370) hatte das wundertätige Kreuz von Werl eine gewisse Bedeutung für die Gläubigen, es wurde sogar am Ulrichs-Tag, dem 4. Juli, mit nach Soest zum Jahrestag der Weihe der Patrokli-Kirche (5. Juli) geführt, bis es in den Truchsessischen Wirren (6. August 1583) zerstört wurde. Die Wallfahrten zum wundertätigen heiligen Kreuz hörten auf und wurden zum letzten Male 1611 erwähnt. Der schwer beschädigte Korpus wurde auf dem Dachboden der Propstei-Kirche in Werl abgelegt und ist erhalten. Der Torso wurde 1938 wieder aufgefunden, ergänzt und ist seit Karfreitag 1953 wieder auf dem Kreuz im Baldachin-Altar im südlichen Seitenschiff befestigt.

Am bekanntesten und wohl auch verbreitetsten sind die Marienwallfahrten, denn Wallfahrtsorte zur Muttergottes gibt es in der gesamten katholischen Welt, Lourdes in Frankreich, Fatima in Portugal und Tschenstochau in Polen sind die von den Besucherzahlen her die bedeutendsten, Altötting (nach 1489), Kevelaer (ab 1642) sind in Deutschland die relevanten, Werl die bedeutendste Wallfahrtsstätte im Erzbistum Paderborn, aber nicht die älteste. Das ist Verne (Gemeinde Salzkotten), wo seit dem Mittelalter (1220) eine Marienstatue verehrt wird, in die ein Reliquiar aus Buchsbaumholz eingearbeitet ist, die ein Wilhard, Angehöriger des dortigen
 
Adelsgeschlechts, 1172 im Gefolge des Sachsen- und Bayernherzogs Heinrichs des Löwen auf einer Wallfahrt ins Heilige Land erworben hatte. Mit diesen Reliquien wurde jedes Jahr eine sogenannte »Tagfahrt« nach Geseke unternommen.

Die Marienwallfahrt nach Werl ist jünger und geht auf das Jahr 1661 zurück, als der Erzbischof und Kurfürst von Köln Maximilian Heinrich (*8. Dezember 1621 in München; †5. Juni 1688 in Bonn) auf Betreiben des Bürgermeisters Hermann Zelion genannt Brandis (*5. Februar 1612; †1676) von den Soestern die Marienstatue als Sühne für einen Waldfrevel forderte. Am 1. November 1661 erfolgte die Übergabe auf dem Werler Schloss und am nächsten Tag überreichte der Erzbischof das Gnadenbild an den Guardian, der seit 1649 in Werl ansässigen Kapuziner mit dem Auftrag die Wallfahrt zu betreuen.

Die Herkunft der um 1170 entstandenen Figur liegt im Dunklen, sie wird 1351 in der Soester Wiesenkirche bezeugt, wo sie wegen der eingetretenen Reformation 1531 aus dem Kirchenraum entfernt worden war. Am ersten Heimsuchungsfest nach der Übertragung der Marienstatue nach Werl fand eine feierliche Prozession mit dem Gnadenbild zum Kloster Himmelpforten im Möhnetal statt. Die Kronen der Statuen stammen aus dem Jahre 1670.
 
  In Werl entstand eine Wallfahrtskirche, die 1669 als »Mariä Heimsuchung« (Festtag am 2. Juli, wegen einer Liturgiereform nach dem Konzil auf den 31. Mai verlegt, aber in Werl genauso wie Verne weiter am 2. Juli gefeiert) geweiht wurde, aber schon nach 100 Jahren wegen Baufälligkeit abgebrochen werden musste. 1671 wurden als Einladungen zur Wallfahrt Kupferstiche verteilt, von denen noch einige erhalten sind. 1786-1789 erbaute man die heute noch erhaltene, 1859 erweiterte alte Wallfahrtskirche mit der barocken Ausstattung.

Die Wallfahrten nahmen ständig zu, auch als im Zuge der Säkularisation die Kapuziner 1834 das Kloster, das etwa dort gestanden hatte, wo sich heute der Vorplatz der Kathedrale ausdehnt, unter preußischer Regierung aufgelöst wurde und der letzte Kapuziner 1836 das Kloster verlassen hatte.

Im Jahre 1848 übernahmen die Franziskaner das Kloster und die Organisation der Wallfahrt, mussten es wegen des Bismarckschen Kulturkampfes 1875 verlassen, kehrten dann aber 1887 zurück. Das alte Klostergebäude wurde abgebrochen, um 1903-05 dem Neubau der Basilika Platz zu machen, so entstand dann auch 1904 das Kloster neu, die alte Wallfahrtskirche, die ursprünglich abgebrochen werden sollte, konnte aber erhalten werden. 2019, so lautete eine Zeitungsmeldung Anfang 2015, wollen sich die Franziskaner aus Werl zurückziehen.


(Das Bild zeigt die Werler Marienstatue)
In der Zeit nach 1933 wurden die Behinderungen der organisierten Wallfahrten stärker. 1941 zum Beispiel wurden in Hilbeck mehr als 200 Fußpilger aus Werne, von wo man seit 1677 nach Werl pilgert, von der Gestapo zurückgeschickt, aber man verzeichnete eine große Zunahme von Einzelpilgern. Nach dem letzten Krieg wuchsen die Scharen wieder an, in den 60er Jahren bis zu 300.000 Pilger jährlich, auch im Jahr 2015 werden mehr als 100.000 erwartet.

Die Saison reicht vom 1. Mai bis zum 1. November, ein Blick in den Organisationskalender der Wallfahrten zeigt die Beliebtheit der Werler Wallfahrt, besonders um das Patronatsfest am 2. Juli herum. In diesem Jahr trat der Sauerländer Schützenbund mit Abordnungen von mehr als 300 Vereinen an. Portugiesen und Vertriebene aus Schlesien und dem Ermland, Motorradfahrer, die Armenische Diözese und viele mehr pilgern nach Werl.
 
Seit mehr als 350 Jahren besteht nun diese Wallfahrt, und neben Großveranstaltungen gibt es viele Fußwallfahrten, die Weiteste kommt wohl aus dem 150 Kilometer entfernten Much im Rheinland und findet seit 1775 statt.

Aber in unserer Region ist Werl nicht der einzige Marien-Wallfahrtsort. Wenn auch nicht sehr weit bekannt, nämlich in Oelinghausen befindet sich in der Krypta der Klosterkirche auch eine sehr alte Madonnenfigur, die als »Kölsche Madonna«, als »unsere liebe Frau von Köllen« oder als »Königin des Sauerlandes« bezeichnet wird und aus der Zeit um 1220 stammt. Der Überlieferung nach wurde sie vom Erzbischof Engelbert I. von Köln dem Kloster gestiftet. Bereits im Mittelalter wurde ein Jesuskind hinzugefügt, die verloren gegangenen Hände wurden neu geschnitzt. Hierher pilgern viele Gläubige aus dem Hönnetal und aus dem weiteren kurkölnischen Sauerland.
 
Krypta der Klosterkiche Oelinghausen mit der der »Kölschen Madonna«.


... veröffentlicht im Heft 142, Seiten 10 und 11, Herbstausgabe 2015.
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die aktuelle Ausgabe, Heft 148:
28.04.2017
Bernhard Frick, Weihbischof
Dietrich von Fürstenberg
1246 Gründung Kloster Himmelpforten
1816 | Die Haar wird preußisch
Die Schlacht bei Bremen 1586
Kölner Erzbischof Engelbert von Berg † 07.11.1225
Wallfahrten
Gründung des Klosters Scheda
Adolf von Hatzfeld
Vorstenburg auf Richters Köpfchen über dem Ruhrtal
Die Not in der Zivilbevölkerung im 1. Weltkrieg 1914/18
Soester Fehde, Teil 2/2
Soester Fehde, Teil 1/2
Freiwillige Arnsberger Jäger-Kompanie als leichte Infanterie 1814 gegen Napoleon
1813 - Kosaken auf der Haar
Kriegszeiten vor 430 Jahren und 380 Jahren in unserer Heimat, Teil 2 von 2
Kriegszeiten vor 430 Jahren und 380 Jahren in unserer Heimat, Teil 1 von 2
Telegraphenlinie via Echtrop - Höingen
Napoleons Russland-Feldzug, Teil 2, der Rückzug
Napoleons Russland-Feldzug, Teil 1, Vormarsch u. Eroberungen
Kalenderreform 1582
Ernst von Bayeren stirbt am 17. Februar 1612 in Arnsberg
Goldfeuer bei Günne
1586 die Schlacht bei Bremen
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